Kanada

Um das wichtigste gleich vorweg zu sagen: Nein, ich habe während meines Jahres in Kanada, August 2003 bis Mai 2004, nicht in einer Holzhütte gewohnt und ich wurde auch nicht von einem Grizzly gefressen. Genaugenommen hab ich nichtmal einen einzigen Bären aus der Nähe gesehen. Zum Gück! Aber alles der Reihe nach.

Ein bisschen Geographie -- Oder: London ist nicht nur in England

UWO - University College Bldg.Torontians zu erklären, wo dieses ominöse London, Ontario ist, ist ziemlich einfach: It's just down 401! Der Rest der Welt braucht vielleicht ein bisschen mehr Erklärung. Also: Ontario besteht aus drei Teilen: Eastern Ontario, was eigentlich nur eine Umschreibung für das Umland Ottawas ist, Northern Ontario, d.h. alles nördlich und westlich von Toronto, in anderen Worten praktisch alles, und eben Western Ontario, der kleine Zipfel Kanadas zwischen Lake Ontario und Lake Huron, der sich bis zur amerikanischen Grenze bei Detroit erstreckt. Ziemlich genau in der Mitte dieses kleinen Zipfels liegt London, jeweils ein bisschen mehr als 200 km von Toronto und Detroit entfernt. Der Legende nach wurde London nach der amerikanischen Unabhängigkeit von Pro-Britischen Siedlern gegründet, was sich nicht nur im Ortsnamen sondern auch in den Strassennamen wiederspiegelt. So gibt es eben einen Victoria Park, Oxford und Picadilly Street und eine Chelsea Bridge, welche natürlich über den River Thames führt. Heute hat London 340.000 Einwohner, davon 40.000 Studenten an der University of Western Ontario. Wie es sich für eine Stadt in Kanada gehört, gibt es neben dem Uni Eishockey-Team, den Mustangs, noch ein professionelles OHL (Ontario Hockey League) Team, die London Knights. Ach ja, apropos London Knights: Ihr früheres zu Hause, die London Gardens, ist aus zwei Gründen für Musikhistoriker interessant: Erstens machte hier Johnny Cash June Carter live auf der Bühne einen Heiratsantrag. Zweitens, wurde hier 1965 ein Auftritt der Rolling Stones nach 15 Minuten von der Polizei wegen randalierendem Publikum beendet. Die Stones versprachen damals ein andermal den Gig nachzuholen, ein Versprechen das bis heute noch nicht eingelöst wurde.

How to get to Canada

Eigentlich war für mich schon lange klar, dass ich mal eine Zeit im Ausland leben möchte. Wohin genau, war zunächst irgendwie egal, nur englischsprachig sollte es sein. Schlussendlich war dann das Angebot von Austauschprogrammen an der Uni Konstanz ausschlaggebend. OK, eine weitere Rolle hat meine Vorliebe für kalte Winter, Eis und Schnee, gespielt. Würden sie in Grönland Englisch sprechen, wer weiss ob ich nicht dort gelandet wäre. Auf jeden Fall habe ich mich dann für das Ontario/Baden-Württemberg Student Exchange Program, in welchem alle staatlichen Unis in BW und Ontario teilnehmen, beworben. Ursprünglich war die University of Western Ontario nur meine zweite Wahl, die erste wäre die University of Toronto und die dritte die York University, ebenfalls in Toronto, gewesen. Aber nun ja, alle Teilnehmer wollen nach Toronto und so wurde es die UWO und London. Zur Bewerbung musste ich ein study proposal schreiben, worin ich eigentlich hauptsächlich darauf abhob, dass an meinen Wunschunis mehr theoretische Physikvorlesungen geboten wurden als in Konstanz als auch ein paar Spezialgebiete, die mich einfach neugierig gemacht haben. Zum Beispiel Astronomie und Atmosphärenphysik. Nach einer halben Ewigkeit des Wartens wurde ich dann zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, welches zum guten Teil auf Englisch stattfand. Kurz danach bekam ich von der deutschen Seite die Zusage für UWO womit eigentlich alles geglärt hätte sein sollen...

UWO

Wie schon gesagt, mit meiner Zusage von der deutschen Seite sollte der Rest der Zulassung usw. nur noch Formsache sein. Naja. Nach ein paar Wochen kam dann ein Brief der kanadischen Seite, meine Unterlagen seien jetzt bei der UWO gelandet und würden dort bearbeitet. Dann kam lange nichts. Sehr lange nichts. Anfang Juni kam dann ein erster Brief von der UWO mit einem Zulassungsbescheid als undergrad. Nun gut, ehrlich gesagt halte ich undergrad für Kindergarten aber wenn es sein muss... Komisch nur, dass der Zulassungsbescheid nicht unterschrieben war. Auf Nachfrage hiess es dann, "uups, wollte wir doch gar nicht schicken. Wir wissen noch nicht ob du grad oder undergrad wirst..." Nach ein paar weiteren Wochen -- der Abflug kam immer näher und ein Visum läßt sich nur mit Zulassung beantragen -- kam ein weiterer ununterschriebener Zulassungsbescheid. Diesmal als graduate student. OK, nochmal ein versehen. Da war wohl die Sekretärin übereifrig in Sachen Postwegschicken. Drei Wochen vor Abflug kam dann endlich der langersehnte Zulassungsbescheid. Glücklicherweise war dann die kanadische Botschaft ziemlich fix beim Visumausstellen und so konnte ich dann wirklich am 17. August 2003 in den Flieger steigen.

Wobei mein Flug noch beinahe aus ganz anderen Gründen ins Wasser gefallen wäre: In den Tagen vorher gab es den großen Blackout, d.h. die halbe US Ostküste und Ontario saßen im Dunkeln. Mein Flugtag war dann wieder der erste Tag an dem der Flughafen von Toronto wieder geöffnet hatte.

Also schlussendlich war ich als "graduate exchange student" zugelassen, was auch gut so war, da ich mich wohl in den meisten undergrad Kursen gelangweilt hätte. In beiden Semestern habe ich jeweils drei Vorlesungen belegt und noch jeweils eine weitere Vorlesung als Gasthörer besucht. Definitives Highlight in akademischer Hinsicht war sicherlich die Vorlesung über Atmosphärenphysik von JP St. Maurice -- erklärtes Ziel meines Aufenthaltes war ja auch Vorlesungen zu besuchen, die es so in dieser Form in Konstanz nicht gab. Gut und Atmosphärenphysik (Ozonloch, Polarlichter, Blitze...) ist nun mal ziemlich Exotisch und auch JP's Vorlesungsstil war es auch. Eigentlich war es mehr ein Kreuzverhör-meets-Improshow, aber super informativ. Also wer noch mehr über die Vorlesungen wissen will, soll meinen ursprünglichen Abschlussbericht lesen.

Und was kann man dort sonst noch so machen?

Algonquin Provincial Park, Thanksgiving 2003

Gut, ich war zwar zum studieren dort, aber ich kam auch noch zu anderen Dingen. Zum einen war ich Mitglied im UWO Triclub, d.h. im Triathlonclub der Uni. Hört sich jetz krass an. Aber eigentlich war ich dort nur wegen des Radfahrens -- ich glaub ich habe jedes Schwimmtraining des Jahres geschwänzt (war auch um 6 Uhr morgens, dreimal die Woche!). Und außerdem war ich noch beim Outdoors Club, was letztlich auf einen Grundkurs in kanadischen Kulturtechniken -- Kanu- und Hundeschlittenfahren -- hinauslief. Auf jeden Fall waren die beiden Trips in den Algonquin Provincial Park super klasse.

Quebec Ville, Dezember 2003

Zu Weihnachten 2003 bin ich dann per Zug nach Montreal, Quebec City und Ottawa gefahren. Sowohl Montreal als auch Quebec haben mir super gefallen, was auch daran liegen kann dass beide Städte ziemlich europäisch wirken -- zumindest die "vieux villes" -- und ich nach vier Monaten Kanada einfach Sehnsucht nach engen Straßen und Gebäuden mit Baujahr vor 1950 hatte. Auf jeden Fall hat zumindest in Quebec alles gestimmt: Pulverschnee, Sonnenschein und die Jugendherberge war genau in der Innenstadt, nur wenige Meter vom Chateau und vom Kastell entfernt. In Ottawa war ich dann an Sylvester, was ein Fehler war, denn wie ich lernen mussten fahren alle Ottowans zum Feiern entweder nach Montreal oder Toronto... Also nix mit Sylvesterparty. Schlussendlich bin ich mit zwei anderen Backpackern aus der Jugendherberge in einem Pub gelandet, das aber auch schon um halb eins zumachen wollte.. Apropos Jugendherberge: Selbige war das einzige Highlight an Ottawa, da sie sich im ehemaligen Nationalgefängnis befindet. Im Prinzip hat sich dort zu früher nichts verändert, außer dass man jetzt den Schlüssel zu seiner Zelle ausgehändigt bekommt.

Ende Februar 2004, während unserer "reading week", habe ich noch eine Greyhoundgewalttour nach Wichita, Kansas gemacht um Freunde meiner Eltern zu besuchen. Nach einer Nacht im Bus war ich dann erstmal zwei Tage in Chicago Wolkenkratzer anschauen, bevor es dann nochmal über Nacht weiter Richtung Südwesten ging. Auf dem Rückweg dasselbe Spiel, nur diesmal ohne Zwischenstopps (ca. 35 Stunden im Bus -- Mann, war ich krank!).

Zu guter letzt bin ich dann noch im Mai 2004 buchstäblich jeden Kilometer Eisenbahn westlich von Toronto abgefahren: Von London via Toronto nach Edmonton, Alberta. Von Edmonton ging es dann weiter zum Jasper NP, wo ich dann knapp eine Woche mit Wandern und Nicht-von-Bären-gefressen-werden beschäftigt war. Einfach eine klasse Landschaft dort und total menschenleer. Von Jasper ging es dann weiter per Zug nach Vancouver, BC wo ich leider nur einen Tag war. Vancouver ist eine tolle Stadt, direkt am Pazifik und relativ warm und direkt im Hinterland die schneebedeckten Berge. Gut, aber dort konnte ich nicht lange bleiben, da ich meine Fähre von Port Hardy (auf Vancouver Island) nach Prince Rupert (nördlichster Pazifikhafen Kanadas) erwischen mußte. Es ging also ersteinmal einen Tag mit dem Greyhound bis Nanaimo, von dort mit der Fähre nach Vancouver Island und dann immer nach Norden bis Port Hardy. Leider muss ich mich irgendwie unterwegs erkältet haben, auf jeden Fall konnte ich dann die 12 oder so Stunden auf der Fähre nach Prince Rupert nicht voll geniessen... War aber trotzdem sehr beeindruckend -- die Fähre fährt eben an einer total menschenleeren Küste entlang, im Wasser tummeln sich Wale. Einfach beeindruckend. Von Prince Rupert ging es dann wieder weiter per Zug zurück nach Jasper und dann nach zwei Tagen dort Nonstop (ca. 55 Stunden) zurück nach Toronto.

Und wie war's?

Wie echte Kanadier sagen würden: Dude, it was fucking awesome, ey!